Arbeitskreis Arbeitslose Linden

Gedichte

Die freie Wirtschaft

Ihr sollt die verfluchten Tarifverträge abbauen.
Ihr sollt auf euren Direktor vertrauen.
Ihr sollt die Schlichtungsausschüsse verlassen.
Ihr sollt alles Weitere dem Chef überlassen.
Kein Betriebsrat quatsche uns mehr herein.
Wir wollen freie Wirtschaftler sein.
Wir diktieren die Preise und die Verträge –
Kein Schutzgesetz sei uns im Wege.
Ihr braucht keine Heime für eure Lungen,
keine Renten und keine Versicherungen.
Ihr solltet Euch allesamt was schämen,
von dem armen Staat noch Geld zu nehmen!
Ihr sollt nicht mehr zusammenstehen –
Wollt ihr wohl auseinandergehen!
Ihr sagt: die Wirtschaft müsse bestehen.
Eine schöne Wirtschaft! Für wen? Für wen?
Das laufende Band, das sich weiterschiebt,
liefert Waren für Kunden, die es nicht gibt.
Ihr habt durch Entlassung und Lohnabzug sacht
Eure eigene Kundschaft kaputtgemacht.
Denn Deutschland besteht – Millionäre sind selten –
aus Arbeitern und Angestellten.
Und Eure Bilanz zeigt mit einem Male
einen Salto mortale.
Während Millionen stempeln gehen.
Die wissen, für wen!

Kurt Tucholski (1930)

An einen Bonzen

Einmal waren wir beide gleich.
Beide: Proleten im deutschen Kaiserreich.
Beide in derselben Luft,
beide in gleicher verschwitzter Kluft;
dieselbe Werkstatt - derselbe Lohn -
derselbe Meister - dieselbe Fron -
beide dasselbe elende Küchenloch ...
Genosse, erinnerst du dich noch?
Aber du, Genosse, warst flinker als ich.
Dich drehen - das konntest du meisterlich.
Wir mussten leiden, ohne zu klagen,
aber du - du konntest es sagen.
Kanntest die Bücher und die Broschüren,
wußtest besser die Feder zu führen.
Treue um Treue - wir glaubten dir doch!
Genosse, erinnerst du dich noch?
Heute ist das alles vergangen.
Man kann nur durchs Vorzimmer zu dir gelangen.
Du rauchst nach Tisch die dicken Zigarren,
du lachst über Straßenhetzer und Narren.
Weißt nichts mehr von alten Kameraden,
wirst aber überall eingeladen.
Du zuckst die Achseln beim Hennessy
und vertrittst die deutsche Sozialdemokratie.
Du hast mit der Welt deinen Frieden gemacht.
Hörst du nicht manchmal in dunkler Nacht
eine leise Stimme, die mahnend spricht:
"Genosse, schämst du dich nicht ?"


Kurt Tucholski (1923)





 Krieg dem Kriege

Sie lagen vier Jahre im Schützengraben.
Zeit, große Zeit!
Sie froren und waren verlaust und haben
daheim eine Frau und zwei kleine Knaben,
weit, weit -!
Und keiner, der ihnen die Wahrheit sagt.
Und keiner, der aufzubegehren wagt.
Monat um Monat, Jahr um Jahr ...
Und wenn mal einer auf Urlaub war,
sah er zu Haus die dicken Bäuche.
Und es fraßen dort um sich wie eine Seuche
der Tanz, die Gier, das Schiebergeschäft.
Und die Horde alldeutscher Skibenten kläfft:
"Krieg! Krieg!
Großer Sieg!
Sieg in Albanien und Sieg in Flandern!"
Und es starben die andern, die andern, die andern ...
Sie sahen die Kameraden fallen.
Das war das Schicksal bei fast allen:
Verwundung, Qual wie ein Tier, und Tod.
Ein kleiner Fleck, schmutzigrot -
und man trug sie fort und scharrte sie ein.
Wer wird wohl der nächste sein?
Und ein Schrei von Millionen stieg auf zu den Sternen.
Werden die Menschen es niemals lernen?
Gibt es ein Ding, um das es sich lohnt?
Wer ist das, der da oben thront,
von oben bis unten bespickt mit Orden,
und nur immer befiehlt: Morden! Morden! -
Blut und zermalmte Knochen und Dreck ...
Und dann hieß es plötzlich, das Schiff sei leck.
Der Kapitän hat den Abschied genommen
und ist etwas plötzlich von dannen geschwommen.
Ratlos stehen die Feldgrauen da.
Für wen das alles? Pro patria?
Brüder! Brüder! Schließt die Reihn!
Brüder! das darf nicht wieder sein!
Geben Sie uns den Vernichtungsfrieden,
ist das gleiche Los beschieden
unsern Söhnen und euren Enkeln.
Sollen die wieder blutrot besprenkeln
die Ackergräben, das grüne Gras?
Brüder! Pfeift den Burschen was!
Es darf und soll so nicht weitergehn.
Wir haben alle, alles gesehn,
wohin ein solcher Wahnsinn führt -
Das Feuer brannte, das sie geschürt.
Löscht es aus! Die Imperialisten,
die da drüben bei jenen nisten,
schenken uns wieder Nationalisten.
Und nach abermals zwanzig Jahren
kommen neue Kanonen gefahren. -
Das wäre kein Friede.
Das wäre Wahn.
Der alte Tanz auf dem alten Vulkan.
Du sollst nicht töten! hat einer gesagt.
Und die Menschheit hörts, und die Menschheit klagt.
Will das niemals anders werden?
Krieg dem Kriege!
Und Friede auf Erden.

Kurt Tucholski (1919)





Joebbels

Wat wärst du ohne deine Möbelpacker!
Die stehn, bezahlt un treu, so um dir rum.
Dahinter du: een arma Lauseknacker,
een Baritong fort Jachtenpublikum.
Die Weiber - hach - die bibbern dir entjejen
un möchten sich am liebsten uffn Boden lejen!
Du machst un tust und jippst da an ...
Josef, du bist'n kleener Mann.
Mit dein Klumpfuß - seh mal, bein andern
da sacht ick nischt; det kann ja jeda ham.
Du wißt als Recke durch de Jejend wandern
un paßt in keen Schützenjrahm?
In Sportpalast sowie in deine Presse,
Riskierst du wat? - De Schnauze vornean.
Josef, du bist'n kleener Mann.
Du bist mit irgendwat zu kurz gekommen.
Nu rächste dir, nu lechste los.
Dir hamm se woll zu früh aus Nest jenommen!
Du bist keen Heros, det markierste bloß.
Du hast'n Buckel, Mensch - du bist nich richtich!
Du bißt bloß laut - sonst biste jahnich wichtig!
Keen Schütze - een Porzellanzerschmeißer,
keen Führer biste - bloß'n Reißer,
Josef,
du bist een jroßer Mann -!

Kurt Tucholski (1931)
 


An das Publikum

O hochverehrtes Publikum,
sag mal: bist du wirklich so dumm,
wie uns das an allen Tagen
alle Unternehmer sagen?
Jeder Direktor mit dickem Popo
spricht: "Das Publikum will es so!"
Jeder Filmfritze sagt: "Was soll ich machen?
Das Publikum wünscht diese zuckrigen Sachen!"
Jeder Verleger zuckt die Achseln und spricht:
"Gute Bücher gehn eben nicht!"
Sag mal, verehrtes Publikum:
bist du wirklich so dumm?
So dumm, dass in Zeitungen, früh und spät,
immer weniger zu lesen steht?
Aus lauter Furcht, du könntest verletzt sein;
aus lauter Angst, es soll niemand verletzt sein;
aus lauter Besorgnis, Müller und Cohn
könnten mit Abbestellung drohn?
Aus Bangigkeit, es käme am Ende
einer der zahllosen Reichsverbände
und protestierte und denunzierte
und demonstrierte und prozessierte ...
Sag mal, verehrtes Publikum:
bist du wirklich so dumm?
Ja, dann ...
Es lastet auf dieser Zeit
der Flucht der Mittelmäßigkeit.
Hast du so einen schwachen Magen?
Kannst du keine Wahrheit vertragen?
Bist also nur ein Grießbrei-Fresser -?
Ja, dann ...
Ja, dann verdienst dus nicht besser.

Kurt Tucholski (1931)

 

 

Du bist stärker

 

Jedes Mal, wenn Du schweigst und

den Ärger runter schluckst,

wirst Du ein Stückchen kleiner

Jedes Mal, wenn Du denkst Du könntest

ja doch nichts ändern, wirst Du ein

bisschen glatter, ein bisschen mehr so,

wie sie Dich haben wollen.
Angepasst und leicht zu handhaben.

Mit jedem Schweigen und Runterschlucken

entfernst Du Dich von Dir selbst,

kriegt Dein Rückgrat einen Knacks,

bis eines Tages nichts mehr übrig ist,

was sie brauchen könnten,

dann ist es zu spät .

Zeig ihnen, dass Du lebst,

wie Du leben willst,

zieh die Konsequenzen und

übernimm die Verantwortung.

Ein Gedicht von Karin Tiedemann
zum Internationalen Frauentag 2001





Nachdenkliches

Als die Sozialdemokraten die Arbeitslosen und Sozialhilfe-Empfänger
zu faulen Schmarotzern erklärten
und ihnen die Leistungen kürzten,
habe ich geschwiegen - - - ;
ich war ja nicht arbeitslos.

Als Otto Schily den Migranten alle Rechte nahm
und sie brutal und rücksichtslos in sogenannte sichere Drittstaaten
abschieben ließ,
habe ich geschwiegen
ich war ja kein Migrant

Als sie von den  Studierenden ein Studiengeld abverlangten,
habe ich nicht protestiert - - - ;
denn ich war ja kein Student und war davon auch nicht betroffen

Als sie die Über50jährigen entließen
und auch keine Lehrlinge mehr einstellten,
habe ich geschwiegen - - - ;
ich war ja kein Lehrling und noch keine Fünfzig.

Als sie das Solidarprinzip in der Sozialversicherung kündigten
und die Kranken und Schwachen schröpften,
habe ich nicht protestiert - - - ;
ich war ja gesund und fühlte mich stark.

Als sie die Rentenkassen ausplünderten
und den Rentnern nur Almosen ließen,
habe ich nicht protestiert - - - ;
ich war ja kein Rentner.

Als ich arbeitslos, krank, schwach und Rentner wurde,
- - - gab es keinen mehr, der protestierten konnte.

in Anlehnung an Martin Niemöller






 "In schöner Regelmäßigkeit macht sich der 'Rechtsstaat' mit
Hilfe seiner Sachwalter über seine Bürger lustig, weil es da
tatsächlich welche gibt, die noch an diese Story von Freiheit,
Demokratie und Menschenrechten glauben." *

*Zitat des Tages aus einem "junge Welt" -Leserbrief